HARTMUT BÜHLER FOTOGRAFIE

HARTMUT BÜHLER FOTOGRAFIE

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Ein spektakuläres Manifest für die Fotografie

Kunstpalast-Generaldirektor Felix Krämer: über den Erwerb der Fotosammlung Kicken für den Kunstpalast Düsseldorf,
seine Liebe zur Fotografie und über Fotokunstdebatten

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Der Rat der Stadt Düsseldorf hat am 13. Dezember 2018 einstimmig die Erwerbung der Bestandssammlung der Galerie Kicken für die städtische Sammlung des Kunstpalastes beschlossen. Von den insgesamt 3.039 Fotografien werden 1.823 Fotos angekauft, zusätzlich schenkt Annette Kicken der Landeshauptstadt 1.216 Aufnahmen.
Mit diesen Fotografien wird der Kunstpalast zu einem wichtigen Foto-Standort in Deutschland. Als erstes Museum in Düsseldorf verfügt es somit über eine bedeutende Fotosammlung, welche die Fotogeschichte von 1840 bis 1990 mit herausragenden Werken abdeckt.
Das Konvolut beinhaltet Originalabzüge (‚Vintage Prints‘), von den Fotografen selbst angefertigte, autorisierte spätere Abzüge sowie Portfolios und Alben. Sammlungsschwerpunkte sind die Fotografie des 19. Jahrhunderts (540 Werke), der Bereich des Neuen Sehens und der Neuen Sachlichkeit (1.001 Werke), die Bauhaus-Fotografie (194 Werke), die Subjektive Fotografie (214 Werke) und die New Topographics-Autorenfotografie (342 Werke). Darüber hinaus umfasst die Sammlung wesentliche Arbeiten aus der Frühzeit der Fotografie, des Piktorialismus sowie der Presse- und Modefotografie sowie Fotos aus der DDR. Der Schwerpunkt des Konvoluts liegt auf Arbeiten von Fotografen aus Europa und den USA, welche in dem Entstehungszeitraum der Bilder die führenden Regionen für die Entwicklung des Mediums darstellen.

Sie enthält Ikonen der Fotografiegeschichte. Darunter Werke von Leopold Ahrendts, Gertrud Arndt, Bernd und Hilla Becher, Sibylle Bergemann, Robert Capa, Hugo Erfurth, Horst P. Horst, Lotte Jacobi, Rudolf Koppitz, Heinrich Kühn, André Kertész, Lázsló Moholy-Nagy und Lucia Moholy, Eadweard Muybridge, Helmut Newton, Man Ray, Albert Renger-Patzsch, Franz Roh, August Sander, Otto Steinert und Edward Weston. Die Fotografie ist jetzt zentraler Teil der Sammlung des Kunstpalasts.

Endlich wird in Düsseldorf eine höchst wundersame Lücke geschlossen: trotz weltweitem Aufsehen erregender Labels wie ‚Becherklasse‘ oder ‚Düsseldorfer Schule‘ (neben den Begründern Hilla und Bernd Becher u. a. Boris Becker, Elger Esser, Claudia Fährenkemper, Bernhard Fuchs, Andreas Gursky, Candida Höfer, Tata Rankholz, Thomas Ruff, Jörg Sasse, Thomas Struth; nicht vergessen werden darf Katharina Sieverding und Axel Hütte) und einer sehr lebendigen Fotokunstszene gab es bis dato in der NRW-Landeshauptstadt keine institutionelle Fotografiesammlung von historischer Bedeutung. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, der eine fundierte Auseinandersetzung zwischen Fotohistorie und lebendiger Gegenwartsfotografie ermöglicht. Aktivist der pro Foto-Initiative ist der Generaldirektor und künstlerische Leiter der Stiftung Kunstpalast in Düsseldorf: Felix Krämer (48).

Herr Krämer, was fliesst durch Ihre Adern: Ölfarben und Terpentin oder sind es Fotochemikalien – und wenn ja, wieviel Prozent sind es Fotochemikalien?

FK: Eine Präferenz gibt es nicht. Aber ich habe durch die Fotografie zur Kunst gefunden.

Geschah das durch angewandte Fotografie, künstlerische oder Kunstfotografie?

FK: Das trenne ich nicht. Das machen Sie bei einem Gemälde ja auch nicht. Das Entscheidende ist das Bild. Wenn es mich fesselt, wenn das Bild mir etwas von der Welt erzählt, wenn es etwas mit mir macht, mich verändert, dann ist da etwas, womit ich mich beschäftige. Dann ist es egal, ob das ein Foto, eine Radierung, eine Skulptur oder ein Druck ist. Wichtig ist die Hingabe und die Liebe zum Objekt – ich will da keine Hierarchien herstellen. Was mir aber oft nicht gefällt bei Fotoausstellungen, ist die Lieblosigkeit der Hängungen, die mangelnde Wertschätzung gegenüber den Werken. Oft sind da zu viele Motive zu eng aneinander mit schlechter Beleuchtung. Oder ohne Passepartout und Rahmen. Im Schnitt wird eine Gemäldeausstellung mit mehr Wertschätzung und Aufwand gehängt.

Wenn Sie Henri Cartier-Bresson nehmen oder Felix H. Man, die klassische Reportagen gemacht haben – wenn der zeitliche Abstand groß geworden ist, dann entsteht aus der journalistischen Fotografie wie selbstverständlich künstlerische Fotografie.

Aber keine Kunstfotografie?

FK: Die Frage ‚Kunst oder nicht Kunst?‘ langweilt mich. Die kann ich nicht beantworten. Ich glaube, wenn da jemand eine schlüssige Auskunft hätte, dann wäre der sehr reich. Wir anderen stochern da alle nur herum. Dieses nicht beantworten zu können, macht ja den Reiz aus, sich damit auseinanderzusetzen.
Apropos künstlerische Fotografie: das ist wie eine Krücke, wir sprechen ja auch nicht von künstlerischer Malerei. Da ist ja schon der Begriff verräterisch. Mir geht es nicht primär darum, ist es Kunst oder keine Kunst. Sondern vielmehr darum, ob es ein gutes Bild oder ein weniger gutes ist. Mit journalistischer Fotografie komme ich besser klar. Journalistische Fotografie dient einem konkreten Zweck, der sich mit der Aufnahme verbindet. Trotzdem darf nicht das Alter entscheidend sein, um ein Foto zum Kunststatus zu erklären. Das wäre absurd. – Ich finde es aber richtig, unsere kommende Ausstellung ‚Kriegsfotografinnen an der Front‘ im Kunstpalast zu zeigen. Dort ist der richtige Ort, weil es gute Bilder sind.

‚Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedrighaus‘ – 08.03. bis 10.06.2019 Kuratorinnen: Anne-Marie Beckmann und Felicity Korn. Die Ausstellung präsentiert rund 140 Arbeiten von acht Fotografinnen aus den letzten 80 Jahren: Carolyn Cole (*1961), Françoise Demulder (1947–2008), Catherine Leroy (1944–2006), Susan Meiselas (*1948), Lee Miller (1907–77), Anja Niedringhaus (1965–2014), Christine Spengler (*1945) und Gerda Taro (1910- 37). Entgegen der weitläufigen Vorstellung, die Kriegsfotografie sei ein von Männern dominiertes Berufsfeld, gibt es eine lange Tradition von in Kriegsgebieten tätigen Fotografinnen. Sie haben mit derselben Selbstverständlichkeit wie ihre männlichen Kollegen weltweite Krisen dokumentiert und unser Bild vom Krieg maßgeblich mitgeprägt.
https://www.kunstpalast.de
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Haben Sie sich mit ihrem Bekenntnis ‚die Fotografie entscheidet über die Zukunftsfähigkeit der Kunstmuseen – unbestritten ist sie das Medium, das eine große Zahl junger Besucher in die Häuser holt‘ auch Feinde gemacht? Und falls ja, wer sind diese?

FK: Ob alle meiner Kollegen meiner Meinung sind, weiss ich nicht. Allerdings habe ich auch keine konträren bzw. negativen Antworten erhalten: ich würde aber gerne darüber diskutieren. Für mich stellt sich wirklich die Frage, wie will ich denn über Bildfindungen, über Bildprozesse, über Wahrnehmung im 21. Jahrhundert reden, wenn ich das wichtigste Bildmedium überhaupt nicht in meine Arbeit integriere. Ein Kunstmuseum ohne Fotografie – dem fehlt etwas. Ich rede jetzt nicht über den Markt, sondern über die Rezeption. Es wird für die Zukunft eines Museums entscheidend sein, ob sie eine Fotosammlung hat oder nicht. Die Allgegenwärtigkeit der Fotografie ist so ungeheuer immens und prägt uns alle. Jeder zeitgenössische Maler hat schon hunderte, tausende Fotos gesehen. Das 19., 20. und unser jetziges Jahrhundert wäre nicht so verlaufen und denkbar, wenn es die Fotografie nicht gegeben hätte.
Es kommt ja immer noch vor, dass Leute von einem jungen Medium sprechen. Die Fotografie ist aber in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts erfunden worden. Warum wird es immer noch als junges Medium bezeichnet? Und obwohl das Medium so präsent ist, wissen wir relativ wenig über die Anfänge und ihre Geschichte.

Der französische Journalist, Karikaturist, Luftschiffer und Fotograf Nadar…

FK: Nadar ist ein ‚Leuchtturm‘, man kennt ihn. Aber es gab so viele großartige Fotografinnen und Fotografen zur Anfangszeit, die experimentiert haben, die an Kunsthochschulen waren, deren Namen wir heute nicht kennen oder längst vergessen haben.

Hätte die Findungskommission, darunter war auch Fotograf Andreas Gursky und das Kuratorium der Stiftung Museum Kunstpalast gewusst, dass Sie sich derart stark für die Fotografie einsetzen: würde diese Sie heute noch einmal wählen? Wussten die restlichen Entscheider von Ihren Fotoplänen?

FK: Die wussten von meinem Faible für Fotografie. Wir haben ja in Düsseldorf die gute Situation, dass ich mit meiner Begeisterung für Fotografie nicht alleine bin. Ihre Frage kann wirklich nur die Kommission selbst beantworten, ob sie mich wieder wählen würde. Ich glaube aber, das wäre kein Hindernis gewesen. Im Gegenteil, ich erlebe so viele positive Reaktionen, gerade auch für die Entscheidung zu Kicken. Die Unterstützung der Stadt war fantastisch, das ist alles andere als selbstverständlich. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Großstädte es in Deutschland gibt, wo man einen solchen Ankauf noch realisieren könnte.

Steht Ihr Bekenntnis zur Fotografie nicht im Widerspruch für das, wofür der Kunstpalast für viele Aussenstehende ’steht‘? Sie stellen die Fotografie gleichberechtigt neben die Bildhauerei, Malerei, Grafik und Angewandter Kunst. Dann haben Sie ja auch noch das Wort Museum entfernen lassen – bis zu Ihrem Antritt als Generaldirektor am 01. Oktober 2017 hiess es Museum Kunstpalast.

FK: Was der Name der Institution mit der Frage der Integrierung von Fotos zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Genau wie die Pinakotheken oder die Hamburger Kunsthalle, um nur zwei Institutionen zu nennen, bleiben wir auch in Zukunft ein Museum. Wie ich aber schon sagte, ist die Fotografie für mich ein wesentlicher Teil unserer Kunstgeschichte, den man nicht ignorieren kann. Es gibt auch Menschen, die das Internet ablehnen und sagen, das geht vorüber. Das ist eine Haltung, die kann man haben. Ist aber nicht meine. So wie die digitalen Lebenswelten in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen werden, wird auch die Fotografie einen immer wichtigeren Platz einnehmen.

Wie ist die Stimmung im eigenen Haus in puncto Fotografie? Wird das Konvolut ‚Kicken‘ von allen Mitarbeitern unterstützt?

FK: Es ist ja nicht so, dass es hier im Hause überhaupt keine Fotografie gab und Fotoausstellungen gab es ja einige. Sehr viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben gesagt: genau eine Fotosammlung fehlte bis jetzt. Wir haben seit 2003 das AFORK Archiv künstlerischer Fotografie der rheinischen Kunstszene mit Dokumentationscharakter, es ist aber als Archiv konzipiert und nicht als Sammlung. Was bisher komplett fehlte, war eine Sammlung, die in der Lage ist, Fotohistorie zu erzählen.

Woraus werden die etwa achteinhalb Millionen Euro des Ankaufes finanziert?

FK: Das sind investive Mittel aus dem Haushalt der Stadt Düsseldorf. Sie wurden nicht dem bestehenden Kulturhaushalt entnommen, sondern für 2018 außerplanmäßig bereitgestellt. Das Tolle an dieser Entscheidung der Stadt ist, dass sie sagt, wir investieren damit in die Zukunft, in den Standort des Museums.

Achteinhalb Millionen Euro beträgt die Ankaufssumme – laut Handelsblatt liegt der Wert bei etwa zwölf Millionen Euro. Ich mache jetzt eine simple Rechnung: achtkommafünf Millionen Euro dividiert durch 3.039 ergibt 2.797 Euro „Durchschnittswert“ pro angekauftes Foto. Welches sind die drei teuersten Fotos, wie heissen diese und von wem stammen sie?

FK: Die einzelnen Versicherungswerte kenne ich nicht auswendig. Das ist keine Koketterie, ich weiss es wirklich nicht. Ein Helmut Newton ist per se relativ teuer, das heisst aber nicht, dass er ‚wertiger‘ ist als ein Edward Weston, Man Ray oder August Sander. Da müsste man in die Gutachten blicken. Aber das ist nicht meine Perspektive. Es geht mir um das Foto, um das Bild und nicht vordergründig um den aktuellen Geldwert. Der Erwerb dieser Sammlung ist, entgegen der Meinung mancher Kritiker, kein reiner Geld-Deal. Es geht hier um sehr viel mehr. Natürlich sind das öffentliche Gelder und damit das der Steuerzahler. Aber in der Tat sind diese Fotos eine Langzeitinvestition für uns jetzt und für unsere Kinder und Enkel.

Es gibt also keine Rangliste der wertvollsten Fotos?

FK: Eine Hitliste der Preise mache ich nicht, was bringt das? So schauen wir nicht auf die Fotos. Auch nicht auf unsere Gemälde à la was ist jetzt das teurere und damit angeblich wertvollere: der Rubens oder der Kirchner?

Hat der Kunstpalast jetzt auch die Rechte an den erworbenen Fotoikonen? Welche Auflagen haben Sie diesbezüglich seitens der Galerie Kicken?

FK: Die Rechte liegen bei den Fotografinnen und Fotografen. Oder sie sind rechtefrei nach 70 Jahren. Auflagen gibt es keine.

Das heisst, Sie können jetzt auch Kaffeetassen, Schals oder andere Merchandising-Produkte mit Kühn- oder Nadar-Motiven machen?

FK: Das hätten wir schon vor dem Ankauf machen können.

Am 20. Dezember 2018 erfolgte ein vielbeachtetes Bundesgerichtshof-Urteil, wonach ein Museum die Kontrolle über die Verbreitung von museumseigenen Kunstwerken behält, auch wenn das Urheberrecht nicht mehr besteht (es erlischt nach 70 Jahren nach dem Tod eines Künstlers). Wie sieht es im Kunstpalast mit dem sogenannten „Lichtbildschutz“ aus? Ich kann mir gut vorstellen, dass während der ersten Ausstellung des Kicken-Konvoluts Besucher permanent zur Handy-Kamera greifen werden.

FK: Es stellt sich die Frage, will man etwas dagegen tun? Ich bin da sehr liberal eingestellt. Für den persönlichen Gebrauch dürfen Besucher fotografieren, aber nicht mit Blitz oder Stativ. Aber es geht ja um die mögliche Verbreitung der gemachten Aufnahmen. Eine Rechteklage wie es sie in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim gab und über den der BGH sein Urteil fällte, kann ich mir bei uns nicht vorstellen. Wenn ein Leihgeber und Rechteinhaber partout nicht will, dass fotografiert werden darf, machen wir natürlich darauf aufmerksam. Dennoch: Verbote sind immer heikel und es ist schwer, diese durchzuhalten.

Warum ist es wichtig, in einem Wettbewerb zu stehen gegen Museen wie Folkwang in Essen, Museum Ludwig in Köln, das Münchner Stadtmuseum oder das Haus der Photographie in Hamburg?

FK: Die von Ihnen genannten Institutionen sind historisch gewachsene riesige Sammlungen mit eigenem Charakter, von großartigen Fachleuten über Jahrzehnte aufgebaut – die empfinde ich nicht als Konkurrenz. Da gehen wir alle unseren eigenen Weg.
Wir hatten in Düsseldorf eine spezielle Situation, anders als in anderen Städten: Düsseldorf hat in den letzten 50 Jahren in der Fotogeschichte eine spezifische und wichtige Rolle gespielt, hatte aber die Merkwürdigkeit, dass es in dieser Stadt keine Fotosammlung gab. Es wird aber ständig über Fotos geredet. Wer etwas von Becher verstehen will, sollte auch etwas über die Neue Sachlichkeit wissen. Und wer etwas von Sander sehen wollte, der musste bis dato nach Essen oder Köln fahren, um ihn sehen. Dieses Manko ist einer Stadt wie Düsseldorf nicht angemessen.
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Derzeit umfasst die Fotografische Sammlung des Museums Folkwang Essen rund 65.000 Fotografien, überwiegend Vintage Prints des 19. bis 21. Jahrhunderts von ca. 1.300 Bildautorinnen und -autoren. Die Fotosammlung geht auf Otto Steinert zurück. Die Sammlung des Museums Ludwig besteht aus etwa 70.000 Werken von den Anfängen der Fotografie im frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Sie umfasst künstlerische Fotografie ebenso wie Reisefotografien, Astroaufnahmen oder historische Alben. Das Münchner Stadtmuseum (das 1963 eröffnete Fotomuseum, heute Sammlung Fotografie, zählt mit einem Bestand von über 850.000 Fotografien zu den führenden fotografischen Sammlungen in Europa. Das Haus der Photographie in Hamburg ist mit internationalen Wechselausstellungen zur Fotografie und mit der fotografischen Sammlung F.C. Gundlach der Anlaufpunkt für Fotografie im Norden. Es zeigt historische Positionen vom 19. bis 21. Jahrhundert ebenso wie junge Fotografinnen und Fotografen der Gegenwart. Dann gibt es noch das Museum für Fotografie in Berlin. Es ist eine Abteilung der Kunstbibliothek und als Ausstellungs-, Forschungs- und Dokumentationszentrum für das Medium Fotografie konzipiert. Als Hauptattraktion beherbergt es die Sammlung der Helmut-Newton-Stiftung.
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Im Pressetext zum Erwerb der Kicken-Sammlung steht geschrieben ‚… mit dem Erwerb der Bestandssammlung der Galerie Kicken wird die historisch einmalige Möglichkeit genutzt, einen überaus hochwertigen und umfangreichen Fotografiebestand zu sichern, der Düsseldorfs Status als Stadt der Fotografie entspricht‘. Was bedeutet Düsseldorfs Status als Stadt der Fotografie, worüber wird konkret geredet?

FK: Hierbei sind Hilla und Bernd Becher wichtige Protagonisten. Darüber hinaus Katharina Sieverding, Candida Höfer, Tata Ronkholz, Elger Esser, Hans-Peter Feldmann, Thomas Ruff und Andreas Gursky – es gibt eine Reihe von Künstlerinnen und Künstlern, die Fotogeschichte geschrieben haben. Nicht zuletzt gibt es die Kunstakademie, an der auch Fotografie gelehrt wird. Und wenn Sie heute nach New York oder London oder China reisen: die Wahrscheinlichkeit, dass dort zur selben Zeit ein Düsseldorfer Fotograf ausgestellt wird, ist hoch. Mir geht es nicht darum zu sagen, wir sind die Größten und Tollsten. Aber wir hatten diese Ausgangssituation: keine Sammlung, aber gleichzeitig eine wichtige Rolle in der jüngeren Fotogeschichte. Nur darum geht es. Wir werden die Fotografie hier in Düsseldorf weiter lebendig halten und ausstellen. Übrigens, der weltberühmte Fotograf Umbo, eigentlich Otto Maximilian Umbehr, wurde 1902 in Düsseldorf geboren. Er gilt neben Lázsló Moholy-Nagy als bedeutendster Fotograf des Bauhauses.

Köln mit Chargesheimer und Sander und Essen mit Otto Steinert und Folkwang…

FK: Wenn wir diese beiden Städte sehen: da haben wir noch ein ganzes Stück Weg vor uns. Wenn wir vergleichen, jeder Ort ist sehr anders. Das was vielleicht Steinert für Essen war, das ist nun, so glaube ich, Kicken für Düsseldorf. Das Ehepaar Annette und Rudolf Kicken hat übrigens viele Jahre hier direkt beim Kunstpalast um die Ecke gewohnt, in der Inselstraße.

Wie kam der Kontakt zur Galerie Kicken zustande?

FK: Ich war von 2008 bis 2017 Sammlungsleiter der Kunst der Moderne am Städel Museum in Frankfurt am Main. Dort verantwortete ich ab 2011 die Neupräsentation der Sammlung Kunst der Moderne nach der Erweiterung des Museums. Schon damals hatte ich eine Leidenschaft für die Fotografie und wollte dort Fotografie und Malerei gemeinsam zeigen. Damals hatte das Städel Museum keine Fotosammlung und mein damaliger Chef Max Hollein sagte mir, wenn Sie das machen wollen, dann müssen Sie sich darum kümmern. Die Fotosammlung, die ich dann ins Haus bringen konnte, war die von Uta und Wilfried Wiegand. Dann hat unsere Präsentation von Gemälden neben Fotos Rudolf Kicken so begeistert, dass er auf mich zukam. Das was ich und das Städel Museum in größerer Ebene gemacht haben, hatte Kicken längst in seiner Galerie und eben in kleinerem Maßstab praktiziert. Aber eben schon zehn bis 20 Jahre früher. Aus der ursprünglichen Bekanntschaft mit dem Ehepaar Kicken entstand ein starkes Vertrauensverhältnis.
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Im Sommer 2013 übergaben Rudolf und Annette Kicken ihre Sammlung von Fotografien dem Städel Museum in Frankfurt am Main. Dazu gehören Werke der Neuen Sachlichkeit, der Bauhausfotografie und der ‚Subjektiven Fotografie‘. Ein weiteres Konvolut umfasst Werke von Leopold Ahrendts, Gertrud Arndt, Hugo Erfurth, Rudolf Koppitz, Heinrich Kühn, Man Ray, Albert Renger-Patzsch, Franz Roh, Werner Rohde, August Sander und Otto Steinert. In der Ausstellung ‚Lichtbilder‘ (Juli bis Oktober 2014) des Städel Museums wurden die Fotografien gemeinsam mit Werken der Sammlung Wiegand erstmals in großem Umfang der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bedeutsam an der Präsentation des Städel Museums ist die gleichberechtigte Darstellung aller Medien der Künste: Malerei, Grafik, Fotografie, Video und Skulptur.
Der Sammlungsbereich der Fotografie ist der jüngste des Städel Museums. Den Grundstock bilden Werke zeitgenössischer Fotografie, die die DZ Bank dem Städel Museum 2008 überlassen hat. Dazu gehören Arbeiten von Araki, Thomas Demand, Andreas Gursky, Candida Höfer, David Hockney, Marie-Jo Lafontaine, Wolfgang Tillmans, Jeff Wall u. a. Weitere bedeutende Werke kamen 2011 aus der Fotografie-Sammlung von Uta Wiegand (Modedesignerin) und Wilfried Wiegand (u. a. von 1997-2001 Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeine Zeitung in Paris). Das Konvolut zeigt die Entwicklung des Mediums und spannt einen historischen Bogen von der Frühzeit über den Piktorialismus der Jahrhundertwende bis zur klassischen Moderne. … Der historische Bogen zwischen diesen beiden Sammlungen konnte mit dem Erwerb der umfassenden Sammlung von Annette und Rudolf Kicken geschlossen werden. Über 1.100 Arbeiten der Neuen Sachlichkeit, der Bauhausfotografie oder der sogenannten ‚Subjektiven Fotografie‘ bilden die wichtigsten Tendenzen der europäischen Fotokunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ab. … Innerhalb der Sammlungspräsentation des Städel ist das Medium Fotografie Seite an Seite mit Gemälden und Skulpturen der jeweiligen Epoche zu sehen. Quellen: Wikipedia. ___________________________________________________________________________________________________

Was geschieht nun mit dem seit 2003 bestehenden Archiv künstlerischer Fotografie der rheinischen Kunstszene (AFORK) im Kunstpalast Düsseldorf? Das AFORK wurde 2003 mit dem Ziel gegründet, die Geschichte der rheinischen Kunstszene seit den 1950er-Jahren mit fotografischen Dokumenten erfahrbar zu machen, die sich weder durch schriftliche Quellen noch durch Kunstwerke angemessen darstellen lassen.

FK: Es gab ja große AFORK-Ausstellungen in den letzten Jahren. Von Erika Kiffl und Nic Tenwiggenhorn beispielsweise. Mit gewichtigen Katalogen. Es ist aber ein Archiv – mit zigtausenden Negativen – und keine Sammlung. Der Fokus von AFORK ist ein ganz anderer als der der Sammlung.

Wann und wie wird die neue Sammlung der Öffentlichkeit vorgestellt?

FK: Im März 2020. Die Überschrift steht noch nicht fest, aber die erste Ausstellung wird zeigen, was wir für die Öffentlichkeit erworben haben und dass diese Investition absolut gerechtfertigt war.

Ihr Vorgänger Beat Wismer gab am 28. November 2018 Eiskellerberg TV ein Interview, in dem er sagte, … ‚wir träumten von einem Fotomuseum im NRW-Forum‘. Dann sprach er über seine Glücksgefühle ob der Fotoausstellungen unter seiner Ägide: die Bechers, Andreas Gursky, Axel Hütte, Candida Höfer und Wim Wenders. Das NRW-Forum sollte unter der Regie des Museums Kunstpalast zum Fotomuseum werden. Hat sich Wismers Traum nun erfüllt?

FK: Das müssen Sie Herrn Wismer fragen. Mein Traum ist kein Fotomuseum. Ich will keine Ausgrenzung. Wir müssen die verschiedenen Künste gleichwertig betrachten, weil darin viele Chancen bestehen. Wir sind damit in guter Nachbarschaft mit den grossen internationalen Museen. Die gehen den gleichen Weg. Sie bringen die Dinge zusammen und trennen nicht. Mich würde es sehr wundern, wenn es in nächster Zeit Gründungen von reinen Fotomuseen gäbe. Das hatte zwar seine Berechtigung und viele Verdienste, aber es ist nicht das Konzept, für das ich stehe.

Die Ausstellung ‚Fotografinnen an der Front‘ (bis 16. Juni 2019) im Kunstpalast Düsseldorf bildet eine Art Klammer zu Volker Krämer, Ihrem Vater. Diese Verneigung vor dem Vater und seinem Berufsstand – 20 Jahre nach seinem tragischen Tod – macht Sie das nicht ‚angreifbar“? [Volker Krämer, früher Fotograf der Rheinischen Post und des Magazins stern wurde 1999 zusammen mit seinem Journalistenkollegen Gabriel Grüner und Dolmetscher Senol Alit im Kosovo ermordet. Der Name des Täters ist bekannt, er lebt unbehelligt als freier Mann in Russland.]

FK: Mein Vater war kein Kriegsfotograf. Wenn man den Gedanken zuspitzt, dann dürfte ich ja gar keine Fotoausstellung initiieren. Ich bin nicht Kurator und mein Vater kommt in der Ausstellung zur Kriegsfotografie gar nicht vor. Auch nicht im Katalog. Wenn ich aber durch meine Biografie eine andere Sensibilität für ein Thema habe, dann sehe ich darin keinen Nachteil.

Dürfen die Fotos der acht Kriegsfotografinnen als Kunst gewertet werden?

FK: Wenn da jemand behauptet, das ist keine Kunst, bitteschön. Da bin ich ganz entspannt. Ansonsten lasse ich mir nicht reinreden, was Kunst ist oder nicht. Übrigens: der Kunstpalast hat kürzlich 74 Werke von Anja Niedringhaus für seine Sammlung angekauft.

Wer ist die Welthauptstadt der Fotografie?

FK: Ich will nicht Paris gegen New York ‚ausspielen‘. Eine deutsche Stadt fällt mir in diesem Kontext nicht ein.

Ihre Lieblingsfotografinnen und Fotografen?

FK: Es sind die unbekannten Fotografinnen und Fotografen des 19. Jahrhunderts. So wie Aenne Biermann (1898-1933), Lotte Jacobi, Yva – eigentlich Else Ernestine Neuländer-Simon (1900-42), Giorgio Sommer (1834-1914). Es gibt so viele Namen. Im Grunde ist es aber immer der- oder diejenige, mit denen ich mich eben beschäftige. Das Tolle ist, dass ich immer wieder neue Namen entdecke.

Wo ’steht‘ der Kunstpalast in fünf Jahren?

FK: Da antworte ich mit einem Blick zurück. Vor einem Jahr hätten wir nicht gedacht, dass wir heute da stehen, wo wir sind. Auf jeden Fall ist es mein Wunsch, den Kunstpalast zu einer interessanteren Adresse für Fotografie zu machen. Der Wille ist da und deutlich geworden. Zusätzlich zu der Teilschenkung der Sammlung hat sich übrigens Annette Kicken bereit erklärt, die Stelle für eine/n wissenschaftliche/n Mitarbeiter/in über die nächsten fünf Jahre zu finanzieren, der/die dann die Fotosammlung fachlich betreut.

Fotografieren Sie in ihrer Freizeit oder machen Kunst irgendeiner Art?

FK: Das können andere viel besser als ich.

Herzlichen Dank an Frau Marina Schuster, Leiterin Presse und Pressesprecherin und an Herrn Generaldirektor Felix Krämer für dieses Gespräch. https://www.kunstpalast.de
Herzlichen Dank an Christoph Kniel (Assistent, Videograf & Digital Operator und Making-of-Fotos; knsy.de) – Interview: © Hartmut Bühler

Annette Kicken: „Ich freue mich außerordentlich, … dass mit dem Kunstpalast ein Ort für die Bestandssammlung unserer Galerie gefunden werden konnte, an dem die Fotografie als gleichberechtigtes künstlerisches Medium behandelt wird. Es war immer unser Anliegen, dass die Künste einer Epoche gemeinsam miteinander präsentiert werden und somit die gegenseitigen Einflüsse veranschaulicht werden können. Düsseldorf als signifikantes Zentrum zeitgenössischer Fotografie ist ein idealer Ort für die Bestandssammlung unserer Galerie. Künftig werden unsere Bilder in weit größerem Maßstab als bisher öffentliche Wirkung entfalten können, und das sehe ich auch vor dem Hintergrund unserer engen persönlichen Verbundenheit mit dem Rheinland mit großer Freude und Dankbarkeit, besonders im Gedenken an meinen Mann und sein Lebenswerk. …“

Alain Bieber, Künstlerischer Direktor des NRW-Forums Düsseldorf: „ … wir freuen uns, dass Düsseldorf als Fotografie-Standort gestärkt wird. Die Sammlung der Galerie Kicken ist eine großartige und wichtige Sammlung – die natürlich in ein Museum gehört, und es ist zudem auch großartig, dass da eine Stelle für eine/n wissenschaftliche/n Mitarbeiter/in über die nächsten fünf Jahre mitfinanziert wird. Das NRW-Forum ist ja auch gar kein Museum, sondern ein Ausstellungshaus, ohne Sammlung, dafür mit ausschließlich wechselnden Ausstellungen. Und unser Schwerpunkt ist auch ein anderer, unser Blick auf die Fotografie ist kein dokumentarischer oder historischer, sondern ein zeitgenössischer, der immer auch die Verbindung sucht zu unseren anderen beiden Schwerpunktthemen digitale Kultur und Pop.“